Pfand oder nicht Pfand, das ist keine Frage…

Es gibt diese Momente, in denen man an nichts Böses denkt, durch ein Landschaftsschutzgebiet spaziert, den Vögeln lauscht, vielleicht sogar so etwas wie inneren Frieden verspürt – und dann knackt es unter dem Schuh. Kein Zweig. Kein Kiesel. Es ist das leise, schuldbeladene Knirschen einer achtlos weggeworfenen Plastikpfandflasche. Oder das metallische Klacken einer zerdrückten Pfanddose, die im Gras ihr Dasein fristet.

Man könnte meinen, Pfand sei eine geniale Erfindung: ein kleines, ökonomisches Gewissen zum Mitnehmen. Eine Flasche hat plötzlich einen Wert, sie möchte zurück in den Kreislauf, sie sehnt sich nach dem Automaten. Und doch liegen sie herum – Flaschen wie Dosen. Im Gras. Zwischen Wildblumen. Neben Bächen. An ausgebrannten Lagerfeuerstellen. Manchmal gleich mehrere auf einmal, an Orten, an denen es sich Menschen offenbar am Abend oder tief in der Nacht in der reinen Natur gut gehen ließen.

Früher war Müll einfach Müll. Heute ist er eigentlich fast schon eine verpasste Gelegenheit. Eine weggeworfene Pfandflasche oder -dose ist kein Abfall, sie ist ein nicht eingelöstes Versprechen. 25 Cent, die irgendwo im Unterholz liegen, während gleichzeitig frühmorgens Menschen unterwegs sind, die genau nach diesen kleinen Werten suchen. Allerdings nicht tief im Wald, sondern eher dort, wo die Chancen besser stehen: in der Nähe von Abfalleimern, wo sich das Leergut verlässlicher sammelt.

Das ist nicht nur ökologisch unerquicklich, sondern auch gesellschaftlich ein kleines, stilles Paradox.

Natürlich könnte man argumentieren: „Ach, die nimmt schon jemand mit.“ Der Mythos vom unsichtbaren Flaschensammler, der wie ein guter Geist durch Wälder streift und Ordnung schafft. Aber wer einmal genauer hinsieht, merkt: Die Realität ist prosaischer. Die Sammler sind da – aber sie folgen den Mülleimern, nicht den Rehen. Der Wald ist kein Pfandautomat. Er nimmt alles an, aber gibt nichts zurück.

Und vielleicht liegt hier das eigentliche Problem: Die Natur ist zu geduldig. Sie beschwert sich nicht, stellt keine Rechnungen, schreibt keine Mahnungen. Sie liegt einfach da und erträgt. Ein bisschen wie ein WG-Mitbewohner, der immer den Abwasch macht – bis er eines Tages auszieht und die Küche hinterlässt, wie sie wirklich ist.

Man fragt sich, wann genau der Moment kam, in dem die Bequemlichkeit über die Vernunft gesiegt hat. War es der letzte Schluck aus der warm gewordenen Cola? Der Gedanke „Ich hab jetzt keine Lust, das mitzuschleppen“? Oder einfach die Gewissheit, dass es schon nicht so schlimm sein wird?

Doch, ist es. Nicht apokalyptisch schlimm. Nicht weltuntergangsmäßig. Aber still, schleichend schlimm. So schlimm, dass man es lange ignorieren kann – bis man irgendwann durch eine eigentlich unberührte Landschaft läuft und sich fragt, warum es sich nicht mehr unberührt anfühlt.

Vielleicht braucht es gar keine großen Kampagnen oder moralischen Zeigefinger. Vielleicht reicht ein kleiner Perspektivwechsel: Jede weggeworfene Pfandflasche und jede Dose ist eine Geschichte, die nicht zu Ende erzählt wurde. Sie hätten zurückgebracht werden können, neu befüllt oder recycelt. Stattdessen liegen sie jetzt im Gras und warten. Nicht auf Erlösung – sondern darauf, dass jemand anders das Problem löst.

Die Natur hat uns viel gegeben. Sauerstoff, Ruhe, Schönheit. Das Mindeste, was wir ihr zurückgeben könnten, ist nicht unsere Leergut-Bequemlichkeit.

Und ganz ehrlich: Wenn schon jemand im Wald Geld liegen lässt, dann sollte es wenigstens ein Schatz sein – und kein zerknittertes Versprechen aus Plastik und Aluminium.

Jeden Tag eine gute – oder wenigstens keine schlechte Tat

Früher war die Welt noch einfach. Die Pfadfinder hatten ein klares Motto: Jeden Tag eine gute Tat.
Ein schöner Gedanke. Edel. Ein bisschen anstrengend vielleicht, aber grundsätzlich machbar.

Heute Morgen habe ich beschlossen, das Ganze realistischer zu betrachten:
Jeden Tag eine gute – oder zumindest keine schlechte Tat.

Spoiler: Es lief durchwachsen.

Die Ausgangslage war harmlos. Gassi gehen mit Una. Frische Luft, ein bisschen Bewegung, ein bisschen Nachdenken über das Leben und andere große Themen. Dann kam der Hochwasserdamm. Steil. Schräge Fläche. Und genau dort – mit bemerkenswerter Zielgenauigkeit – setzte Una zu ihrer ganz persönlichen Tagesleistung an.

Ein Haufen. In Hanglage.

Nun gibt es Momente, in denen man als verantwortungsbewusster Hundebesitzer Größe zeigen müsste. Tüte raus, Balance halten, Hang sichern, vielleicht noch ein paar akrobatische Elemente einbauen – und das Problem wäre gelöst.

Und dann gibt es Momente, in denen man kurz innehält und denkt:
Das ist jetzt aber auch wirklich ungünstig.

Ich entschied mich für die zweite Variante. Ein schneller Blick nach links, nach rechts, ein innerliches „Wird schon keiner sehen“ – und weiter ging’s.

Man könnte sagen: keine gute Tat. Aber vielleicht auch noch keine schlechte. So eine moralische Grauzone mit leichter Schieflage – passend zum Gelände.

Ein paar Minuten später, gleiche Runde, andere Kurve.

Und plötzlich sehe ich ihn: einen Radfahrer. Angehalten. Am Wegrand. In eindeutiger Position. Die Natur ruft – und er nimmt den Anruf an.

In mir regt sich sofort der innere Ordnungshüter. Lautstark, empört, bereit zur Intervention.

„Toll! Muss das hier sein? Können Sie sich nicht eine andere Ecke für Ihr Geschäft suchen?“

Der Mann schaut auf, sichtlich überrascht, vielleicht auch ein wenig ertappt – und entschuldigt sich tatsächlich. Höflich. Einsichtig. Fast schon vorbildlich.

Ich gehe weiter. Ein kleines Gefühl von Genugtuung macht sich breit. Ordnung wiederhergestellt. Gesellschaft verteidigt. Mission erfüllt.

Und dann, ganz leise, meldet sich ein anderer Gedanke.

Moment mal…

Was wäre eigentlich gewesen, wenn dieser Radfahrer mich fünf Minuten früher gesehen hätte?
Dort am Hang. Mit Una. Und meinem sehr flexiblen Umgang mit der „Tüte-oder-nicht-Tüte“-Frage?

Hätte er mir zugerufen:
„Toll! Muss das hier sein?“

Und hätte ich mich dann auch so einsichtig entschuldigt?

Es ist einer dieser Momente, in denen die Welt kurz innehält und einem den Spiegel hinhält. Nicht in voller Größe, eher so handlich für unterwegs – aber deutlich genug.

Am Ende bleibt die Erkenntnis:
Die Grenze zwischen guter und schlechter Tat verläuft manchmal erstaunlich nah an der eigenen Bequemlichkeit.

Und vielleicht ist das moderne Pfadfinder-Motto gar nicht so kompliziert:
Nicht jeden Tag die Welt retten.
Aber vielleicht ab und zu den eigenen Maßstab überprüfen.

Und im Zweifel…
doch die Tüte nehmen.

Ein Pfalzausflug

Sonntags fährt man ja gerne in die Pfalz, um rauszukommen. Raus aus dem Alltag, raus aus der gewohnten Umgebung, vielleicht sogar ein kleines Stück raus aus sich selbst. Frische Luft, Bewegung, Natur.

Also: auf nach Deidesheim mit Ziel Gimmeldingen. Ein Klassiker. Allerdings keiner von der gemütlichen Sorte. Statt durch sonnige Weinberge ging es durch den Wald – auf schmalen Pfaden, mit durchaus beachtlichen Steigungen und Abstiegen. Eine Wanderung, die einen nicht nur voranbringt, sondern zwischendurch auch daran erinnert, dass man Muskeln besitzt, die fast in Vergessenheit geraten sind – aber nur fast…

Die Pfalz liefert trotzdem zuverlässig: Natur, Ruhe – und dieses Gefühl, dass das Leben außerhalb von Terminkalendern und To-do-Listen doch ganz passabel organisiert ist. Auch wenn man zwischendurch kurz darüber nachdenkt, ob der nächste Anstieg wirklich notwendig gewesen wäre.

Und dann kommt die Looganlage.

Ein Ort, der wie gemacht ist für eine Pause. Wir saßen allerdings nicht draußen, sondern drinnen – im Innenbereich, wetterbedingt bodenständig. Denn irgendwo zwischen Waldpfad und Einkehr hatte ein Graupelschauer beschlossen, den Tag kurz neu zu strukturieren. In diesem Moment wich der klare Durchblick einer sehr praktischen Entscheidung: Brille ab, Sicht eingeschränkt, Hauptsache ankommen.

Man kommt also an, sucht erst den reservierten Tisch und dann die Toilette. Die am Nebentisch sitzende große Gruppe nimmt man zunächst nur am Rande wahr. Stimmen, Gespräche, Hintergrundrauschen.

Bis die Brille wieder ins Spiel kommt.

Einmal gesäubert, wieder aufgesetzt – und plötzlich wird aus der anonymen Gruppe ein Stück Heimat. Denn einige der Personen kenne ich. Persönlich. Aus Worms-Leiselheim.

Ich blinzele kurz, als müsse sich das Bild erst sortieren. Aber nein: Da sitzt man wirklich. Mitten in der Pfalz, nach einer durchaus anspruchsvollen Wanderung durch den Wald – und trifft auf Menschen aus dem eigenen Ort. Zur gleichen Zeit, am gleichen Ort.

Zufall? Schicksal?

Es hat etwas wunderbar Absurdes. Man fährt los, um Abstand zu gewinnen, landet nach schweißtreibenden Höhenmetern und einem Graupelschauer in einer Gaststube – und erkennt, dass man dem Alltag vielleicht doch nicht ganz entkommen kann.

Nur die Kulisse hat sich geändert.

Am Ende bleibt die Erkenntnis: Die Welt ist vielleicht groß – aber Leiselheimer trifft man überall.

Und manchmal braucht es nur eine saubere Brille, um das zu erkennen.

Demokratie auf Augenhöhe – oder doch eher auf Laternenhöhe?

Wahlkampfzeiten sind besondere Zeiten. Die Luft ist voller Versprechen, die Straßen voller Gesichter – und die Laternen voller Kabelbinder.

Kaum naht eine Wahl, verwandelt sich das öffentliche Straßenbild in eine Art politisches Wimmelbuch. Überall hängen sie: lächelnde Kandidatinnen und Kandidaten, entschlossen blickend, hoffnungsvoll, staatsmännisch – je nach Druckqualität auch leicht verpixelt. Demokratie zum Mitnehmen, wetterfest laminiert.

Und dann ist die Wahl vorbei.

Was bleibt, ist… nun ja: der Rest.

Zerrissene Plakate flattern im Wind wie politische Nachgedanken. Halb abgerissene Kabelbinder hängen traurig von Laternen, als hätten sie den Glauben an die Menschheit verloren. Und irgendwo im Gebüsch liegt ein Konterfei, das noch vor wenigen Tagen „Zukunft gestalten“ wollte und jetzt eher nach „Recycling verschlafen“ aussieht.

Besonders spannend wird es beim Thema Nachhaltigkeit. Denn während im Wahlprogramm noch engagiert von Ressourcenschonung die Rede ist, stapeln sich hinter den Kulissen ungenutzte Plakate. Frisch gedruckt, nie aufgehängt, direkt auf dem Weg ins politische Jenseits. Man könnte sagen: Wahlkampf auf Vorrat – leider ohne Verwendung.

Aber der eigentliche Höhepunkt offenbart sich erst beim Abhängen.

Denn wer glaubt, dass diejenigen, die Plakate aufhängen, sie auch wieder abhängen, glaubt vermutlich auch, dass Wahlversprechen automatisch eingelöst werden.

Die Realität ist komplexer.

Plakate führen nach der Wahl ein erstaunlich eigenständiges Leben. Einige verschwinden zeitnah, andere entwickeln eine gewisse Standorttreue. Und manche – man muss es so sagen – steigen regelrecht auf.

Denn im Laufe des Wahlkampfs entsteht ein inoffizieller Wettbewerb: Wer hängt höher? Wer überbietet den politischen Gegner nicht nur inhaltlich, sondern auch physisch? Das Ergebnis: Plakate in Höhen, die eher an Alpinismus erinnern als an kommunale Straßenlaternen.

Nach der Wahl steht man dann davor, blickt nach oben und denkt:
„Ja. Das war ambitioniert.“

Was folgt, ist ein logistisches Abenteuer. Leitern werden organisiert, Teleskopstangen ausgefahren, waghalsige Konstruktionen erprobt. Es ist ein bisschen wie Frühsport – nur mit politischem Hintergrund und erhöhter Absturzgefahr.

Und während unten diskutiert wird, wer eigentlich zuständig ist, hängt oben noch immer ein freundlich lächelndes Gesicht und verspricht „Verlässlichkeit“.

Man kann das alles belächeln. Sollte man vielleicht auch. Aber es erzählt nebenbei eine kleine Geschichte über unsere Zeit.

Über Aktion und Verantwortung.
Über Sichtbarkeit und Nacharbeit.
Und über die erstaunliche Fähigkeit, Dinge anzufangen – und sich beim Aufräumen dezent zurückzuhalten.

Dabei wäre die Idee eigentlich ganz einfach: Wer plakatiert, räumt auch wieder auf. Wer sichtbar sein will, sollte auch Verantwortung zeigen, wenn die Scheinwerfer ausgehen.

Bis dahin aber gilt: Nach der Wahl ist vor dem nächsten Kabelbinder.

Und irgendwo da draußen hängt noch ein Plakat.
Sehr hoch.
Sehr allein.
Und erstaunlich dauerhaft.

Oma geht shoppen

Früher war Einkaufen eine klare Sache: Man brauchte etwas – man kaufte es. Heute ist Einkaufen ein moralisches Abenteuer mit eingebautem Prüfverfahren. Bio oder regional? Neu oder gebraucht? Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft oder doch lieber ein schlechtes Gewissen aus Kunststoff?

Und mittendrin: ich. Oma. Auf Mission.

Denn seit dem 22. Januar hat sich mein Blick auf die Welt verändert. Meine jüngste Enkeltochter ist da – und plötzlich ist nicht mehr nur wichtig, was man kauft, sondern auch wie und warum. Schließlich soll das kleine Wesen nicht nur gut sitzen, sondern irgendwann auch noch eine Welt vorfinden, in der es sich lohnt, sitzen zu bleiben.

Also: Oma geht shoppen. Nachhaltig, versteht sich.

Das klingt zunächst nach Jutebeutel und Verzicht, nach erhobenem Zeigefinger und dem leisen Rascheln von Öko-Siegeln. In Wahrheit ist es eher ein Spagat zwischen Anspruch und Alltag. Denn während man versucht, die Welt zu retten, merkt man schnell: Sie hat erstaunlich viele Preisschilder.

Mein heutiger Beutezug führte zu einem Klassiker: dem Tripp Trapp Stuhl. Ein Möbelstück, das so klingt, als hätte es ein Kind benannt, und so gebaut ist, dass es Generationen überlebt. Massives Holz, durchdachtes Design, wächst mit dem Kind – und vermutlich auch noch mit dem Enkelkind des Enkelkindes.

Kurz gesagt: kein Wegwerfprodukt, sondern eher ein Familienmitglied mit Sitzfunktion.

Dazu ein Babyaufsatz, damit meine Enkeltochter künftig nicht mehr permanent auf dem Arm getragen werden muss, sondern entspannt am Tisch sitzt und das große Abenteuer „Familienleben“ beobachten kann. Früh übt sich schließlich, wer später mitreden will.

Und genau da beginnt die eigentliche Pointe des nachhaltigen Einkaufens: Es geht gar nicht nur um Materialien, Siegel oder CO₂-Bilanzen. Es geht um Haltung. Um die Frage, ob wir Dinge kaufen, die bleiben dürfen – oder solche, die schon beim Auspacken innerlich auf Abschied stehen.

Natürlich könnte man auch sagen: „Ach, das Kind ist klein, das tut’s auch irgendein günstiges Modell.“ Klar. Tut es. Für eine Weile. Und dann? Dann wandert es weiter – auf den Sperrmüll, in den Keller oder ins nächste „Zu verschenken“-Inserat, begleitet von dem guten Gefühl, immerhin kurzfristig gespart zu haben.

Nachhaltigkeit hingegen ist die leise, manchmal unbequeme Erkenntnis, dass billig oft nur bedeutet: später doppelt zahlen. Mit Geld, mit Ressourcen oder mit dem schlechten Gewissen, das sich hartnäckiger hält als jede Rechnung.

Und ja, man ertappt sich dabei, plötzlich anders zu denken. Nicht mehr: „Was brauche ich jetzt?“ sondern: „Was macht auch in ein paar Jahren noch Sinn?“
Das ist anstrengend. Und irgendwie auch tröstlich.

Denn am Ende geht es nicht nur um einen Stuhl. Es geht darum, einen Platz zu schaffen. Für ein Kind, das gerade erst angekommen ist. Für gemeinsame Mahlzeiten, für erste Versuche, mit am Tisch zu sitzen, für dieses stille Gefühl von Zugehörigkeit.

Vielleicht ist nachhaltiges Einkaufen genau das: weniger ein Verzicht, mehr ein Versprechen. Dass wir nicht nur für uns selbst entscheiden, sondern auch für die, die nach uns kommen – und die irgendwann fragen könnten, warum wir es uns so einfach gemacht haben.

Meine Enkeltochter wird sich später vermutlich nicht daran erinnern, wer den Stuhl gekauft hat. Aber vielleicht sitzt nicht nur sie eines Tages selbst darauf, sondern ihr eigenes Kind.

Und dann, so hoffe ich, denkt sie:
Oma hat nicht einfach nur eingekauft.
Oma hat mitgedacht.

Vom Winde verweht – und von Menschen überfahren

Es war einer dieser Morgen, an denen der Wind offenbar mehr Energie hat als so mancher Mensch. Kräftige Böen fegten über den Hof der SPD-Zentrale in Worms und verteilten die letzten Relikte des Wahlkampfs großzügig über das Gelände. Plakate, die noch vor Kurzem um Stimmen warben, lagen nun flach auf dem Boden – gewissermaßen die demokratische Version von „vom Winde verweht“.

Während die Natur also ihre ganz eigene Wahlnachlese betrieb, tat eine engagierte Kollegin das, was man früher schlicht „anpacken“ nannte: Sie sammelte die Plakate ein. Ohne große Debatte, ohne Arbeitskreis, ohne Grundsatzprogramm.

Dann rollte ein Auto auf den Hof.

Zielstrebig. Entschlossen. Unaufhaltsam.

Und – man ahnt es – exakt auf drei dieser Plakate.

Nun könnte man denken: Kein Problem. Ein kurzer Hinweis, ein freundliches „Könnten Sie vielleicht…?“ und das Auto wird einen halben Meter zurückgesetzt. Eine Bewegung, die weniger Zeit kostet als das Scrollen durch eine durchschnittliche Nachricht.

Doch hier beginnt die eigentliche Geschichte.
Auf die höfliche Bitte hin, das Fahrzeug doch kurz zu bewegen, um die Plakate einsammeln zu können, folgte – nichts. Also doch: eine klare Absage.

Keine Zeit. Kein Interesse. Kein Zentimeter.

Das Auto blieb stehen. Die Plakate auch. Die Situation ebenso.

Man steht daneben und fragt sich unweigerlich: Wann genau ist diese Haltung eigentlich salonfähig geworden? Dieses kleine, aber bemerkenswerte „Warum sollte ich?“ im Alltag.

Es geht hier ja nicht um Heldentaten. Niemand wurde gebeten, einen Marathon zu laufen, einen Fluss umzuleiten oder die Welt zu retten. Es ging um eine minimale Geste der Rücksichtnahme. Ein kurzes Zurücksetzen. Zwei Sekunden Kooperation.

Und doch war selbst das offenbar zu viel verlangt.

Vielleicht ist genau das der Punkt. Die große gesellschaftliche Veränderung kommt nicht immer laut daher. Sie zeigt sich nicht nur in großen Debatten oder politischen Umbrüchen. Sie zeigt sich im Kleinen. In diesen unscheinbaren Momenten, in denen Menschen entscheiden, ob sie Teil einer Gemeinschaft sein wollen – oder einfach nur im Weg stehen.

Früher hätte man das wahrscheinlich schlicht als unhöflich bezeichnet. Heute wirkt es fast wie ein Prinzip: Hauptsache, man selbst muss sich nicht bewegen. Im wörtlichen wie im übertragenen Sinne.

Der Wind hat an diesem Morgen ganze Arbeit geleistet. Er hat Dinge durcheinandergewirbelt, durcheinandergebracht, vielleicht auch ein bisschen entlarvt. Aber was er nicht geschafft hat: Menschen in Bewegung zu setzen, die fest entschlossen sind, stehen zu bleiben.

Am Ende lagen die Plakate weiterhin unter dem Auto.
Und irgendwo darüber die Erkenntnis, dass nicht jeder Gegenwind von außen kommt.

So sieht man/frau sich wieder…

Tja, wer hätte das heute morgen gedacht, dass ich wieder anfange zu schreiben. Ich eigentlich nicht vor meinem Gassigang im kalten Wind um kurz nach 7. Aber manche, nein eigentlich alle, Situationen ändern das Leben – und das ist gut so.

Es gibt Orte, die mehr über den Zustand unserer Gesellschaft verraten als jede Talkshow. Mein persönlicher Favorit heute Morgen: ein Feldweg im Landschaftsschutzgebiet an der Pfrimm bei Leiselheim – idyllisch, ruhig, mit klarer Regel: Hunde bitte anleinen.

Klingt einfach. Ist es offenbar nicht.

Ich komme also mit meinem angeleinten Hund des Weges, geschniegelt, geschniegelt im Geiste der Vorschriften, geschniegelt im Vertrauen darauf, dass ein Schild nicht nur Dekoration ist. Uns entgegen: drei Hunde. Frei. Ungebunden. Ein bisschen wie ihre Besitzer.

Hund Nummer eins nimmt sofort diplomatische Beziehungen zu meinem Vierbeiner auf – ungefragt, versteht sich. Die Leine? Ein optionales Lifestyle-Accessoire. Hund Nummer zwei wird immerhin halbherzig eingefangen und angeleint. Man will ja nicht komplett gesetzlos wirken.

Und dann ist da noch Hund Nummer drei. Ein Freigeist. Ein Individualist. Ein Gourmet.

Denn zwischen uns liegt – wie bestellt – ein stattlicher Misthaufen am Ackerrand. Während Frauchen ruft, bittet, beschwört („Hiiiier! Komm! Jetzt aber!“), trifft Hund Nummer drei eine klare Entscheidung: Heute gibt es Delikatessen.

Er steuert zielsicher den Haufen an und beginnt, sich den schönen Dingen des Lebens zu widmen. Frauchen eilt hinterher, empört, entrüstet, beinahe persönlich beleidigt – nicht etwa über den eigenen unangeleinten Hund, sondern über die Existenz des Misthaufens.

Und dann fällt der Satz des Tages:
„Kaum ist der eine Haufen weg, liegt schon der nächste da.“

Man muss diesen Satz kurz wirken lassen.

Da steht also ein Hund, der gerade genüsslich das Buffet eröffnet hat, weil er – entgegen der klaren Regel – frei herumläuft. Und die Schuldfrage ist bereits geklärt: Der Misthaufen. Der Bauer. Das Universum. Nur ganz sicher nicht das andere Ende der (nicht vorhandenen) Leine.

Ich gehe weiter und denke: Das ist sie, die große gesellschaftliche Parabel im Kleinformat.

Erstens: Regeln gelten immer nur für die anderen. Schilder sind Empfehlungen, Gesetze situativ, und die eigene Freiheit endet grundsätzlich erst dann, wenn sie wirklich unbequem wird.

Zweitens: Verantwortung ist ein Wanderpokal. Wenn etwas schiefgeht, findet sich immer jemand oder etwas, das noch schuldiger ist als man selbst. Notfalls eben ein Misthaufen, der es gewagt hat, einfach da zu liegen, wo Natur nun mal stattfindet.

Und drittens – vielleicht das Wichtigste: Einsicht ist heute oft das Einzige, was konsequent an der Leine geführt wird.

Mein Hund und ich gehen also weiter. Angepasst, angeleint, ein bisschen altmodisch vielleicht. Aber immerhin mit dem beruhigenden Gefühl, den Fehler nicht allzu lange suchen zu müssen.

Er stand direkt vor mir. In dreifacher Ausführung.

Vorbei…

Alles geht irgendwann mal vorbei, so auch meine Stadtratstätigkeit. Gelandet auf Rang 15 bin ich nunmehr raus aus dem Stadtrat, denn wir haben nur 12 Plätze erreicht. Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge, denn ich werde nun sehr viel Freizeit haben. Die Leere, die nach der Bekanntgabe des Ergebnisses erst mal in mir herrschte ist noch am gleichen Abend einem Tatendrang gewichen – ich kann halt einfach nicht stillhalten.

Seit langem bin ich mal wieder auf unser Laufband gestiegen und wäre auch gerne noch in die Sauna, aber die ist leider defekt. Es gibt viel zu reparieren und viel zu tun in unserem Haus und Garten; das werde ich nun nach und nach angehen. Aber mit viel freier Zeit zwischendrin. Das hab ich mir fest vorgenommen.

Und nun doch noch was zur Kommunalwahl 2024…

Ich habe bis jetzt bewusst auf Wahlwerbung für mich verzichtet, denn ich möchte, dass ich wegen meiner bisherigen, hoffentlich überzeugenden Arbeit wieder gewählt werde und nicht, weil ich Tausende in Werbematerialien investiere.

Niemand sollte aber die Katze im Sack kaufen, wenn er bisher meine Aktivitäten nicht verfolgt hat oder nicht verfolgen konnte. Deshalb hier nur einige Themen, die ich mir in 15 Jahren Stadtrat auf die Fahne schreiben kann:

  • Wildtierverbot in Zirkussen in Worms umgesetzt
  • Katzenschutzverordnung ausgeweitet auf das gesamte Stadtgebiet
  • Hundesteuersatzung verbessert (die Erhöhung habe ich allerdings nicht mitgetragen!)
  • WhatsApp-Meldeverfahren für Müllansammlungen (leider wurde der Antrag abgelehnt)
  • Fortschreibung des Inklusionskonzepts
  • Antrag auf Kinderbetreuung
  • Wickeltisch im Rathaus
  • Umweltdetektive (mit meinem Kollegen Markus Trapp)
  • Schaffung eines Naturerlebnispfads am Pfrimmweiher
  • Schaffung eines Tierfriedhofs (ist in Planung auf dem Hauptfriedhof)
  • ….to be continued.

Ich möchte meine Arbeit , auch die im Arbeitskreis für Umwelt und Naturschutz der SPD-Fraktion, gern weiterführen und würde mich über viele Stimmen freuen.

2024 hat begonnen

So, und jetzt komme ich zum aktuellen Jahr, dass ganz im Zeichen von Wahlkampf und Krankheiten steht. Wahlkampf, weil am 9. Juni Kommunal- und Europawahlen sind und ich für beide Gremien wieder kandidiere. Aber dessen nicht genug, als SPD-Ortsvereinsvorsitzende in Worms-Leiselheim obliegt es mir, den Löwenanteil der Arbeiten zu stemmen. Das geht an die Substanz.

So habe ich mich gleich Anfang des Jahres mal unters Messer bzw. unter den Ballon begeben, denn eine Tubendilation sollte meine Belüftungsstörungen in den Ohren beheben und mein Gehör wieder verbessern. Aber leider wurde daraus nix, denn auch heute, 2 Monate später, sind beide Ohren immer noch genauso zugefallen wie vor der OP. Dazu kommt jetzt noch eine fette Allergie gegen Frühblüher und Gräserpollen, die das ganze sicher nicht besser macht und auch noch verhindert, dass ich ein Implantat bekomme. Allergischer Schnupfen und Implantat-OPs vertragen sich nämlich nicht.

Aber das ist pillepalle, denn ich habe jetzt auch noch einen Knoten auf der Schilddrüse. Toll! Wurde durch Zufall gefunden beim Schallen der Halsschlagader. Und wie sollte es anders sein: Termine beim Nuklearmediziner gibt es wohl nur mit Wartezeiten von mehreren Monaten. Aber immerhin habe ich noch einen Ende April ergattern können. Ludwigshafen hatte da noch was frei. In Worms hätte ich bis September warten müssen. Nun drückt mir mal die Daumen, dass es wirklich nur ein Knoten wegen Jodmangel ist…

Aber daran ist jetzt ja mal auf die Schnelle nichts zu ändern und so sehe ich unserem Jahresempfang am St. Patrick’s Day am kommenden Sonntag mit einiger Gelassenheit entgegen. Es werden zahlreiche Ehrengäste erwartet und auch der Rotrockpreis wird – nach Coronapause – seit langem mal wieder verliehen. Wer ihn erhält, das erfahrt ihr dann in einem der nächsten Posts. Auf jeden Fall werden wir viel Spaß haben, denn Julian Thomé macht Livemusik und es gibt auch ein familienfreundliches Pubquiz mit tollen Gewinnen. Wer also Lust hat zu kommen: am 17.3. im S’Heisje um 11 Uhr startet das Event für Jung und Alt!