Oma geht shoppen

Früher war Einkaufen eine klare Sache: Man brauchte etwas – man kaufte es. Heute ist Einkaufen ein moralisches Abenteuer mit eingebautem Prüfverfahren. Bio oder regional? Neu oder gebraucht? Holz aus nachhaltiger Forstwirtschaft oder doch lieber ein schlechtes Gewissen aus Kunststoff?

Und mittendrin: ich. Oma. Auf Mission.

Denn seit dem 22. Januar hat sich mein Blick auf die Welt verändert. Meine jüngste Enkeltochter ist da – und plötzlich ist nicht mehr nur wichtig, was man kauft, sondern auch wie und warum. Schließlich soll das kleine Wesen nicht nur gut sitzen, sondern irgendwann auch noch eine Welt vorfinden, in der es sich lohnt, sitzen zu bleiben.

Also: Oma geht shoppen. Nachhaltig, versteht sich.

Das klingt zunächst nach Jutebeutel und Verzicht, nach erhobenem Zeigefinger und dem leisen Rascheln von Öko-Siegeln. In Wahrheit ist es eher ein Spagat zwischen Anspruch und Alltag. Denn während man versucht, die Welt zu retten, merkt man schnell: Sie hat erstaunlich viele Preisschilder.

Mein heutiger Beutezug führte zu einem Klassiker: dem Tripp Trapp Stuhl. Ein Möbelstück, das so klingt, als hätte es ein Kind benannt, und so gebaut ist, dass es Generationen überlebt. Massives Holz, durchdachtes Design, wächst mit dem Kind – und vermutlich auch noch mit dem Enkelkind des Enkelkindes.

Kurz gesagt: kein Wegwerfprodukt, sondern eher ein Familienmitglied mit Sitzfunktion.

Dazu ein Babyaufsatz, damit meine Enkeltochter künftig nicht mehr permanent auf dem Arm getragen werden muss, sondern entspannt am Tisch sitzt und das große Abenteuer „Familienleben“ beobachten kann. Früh übt sich schließlich, wer später mitreden will.

Und genau da beginnt die eigentliche Pointe des nachhaltigen Einkaufens: Es geht gar nicht nur um Materialien, Siegel oder CO₂-Bilanzen. Es geht um Haltung. Um die Frage, ob wir Dinge kaufen, die bleiben dürfen – oder solche, die schon beim Auspacken innerlich auf Abschied stehen.

Natürlich könnte man auch sagen: „Ach, das Kind ist klein, das tut’s auch irgendein günstiges Modell.“ Klar. Tut es. Für eine Weile. Und dann? Dann wandert es weiter – auf den Sperrmüll, in den Keller oder ins nächste „Zu verschenken“-Inserat, begleitet von dem guten Gefühl, immerhin kurzfristig gespart zu haben.

Nachhaltigkeit hingegen ist die leise, manchmal unbequeme Erkenntnis, dass billig oft nur bedeutet: später doppelt zahlen. Mit Geld, mit Ressourcen oder mit dem schlechten Gewissen, das sich hartnäckiger hält als jede Rechnung.

Und ja, man ertappt sich dabei, plötzlich anders zu denken. Nicht mehr: „Was brauche ich jetzt?“ sondern: „Was macht auch in ein paar Jahren noch Sinn?“
Das ist anstrengend. Und irgendwie auch tröstlich.

Denn am Ende geht es nicht nur um einen Stuhl. Es geht darum, einen Platz zu schaffen. Für ein Kind, das gerade erst angekommen ist. Für gemeinsame Mahlzeiten, für erste Versuche, mit am Tisch zu sitzen, für dieses stille Gefühl von Zugehörigkeit.

Vielleicht ist nachhaltiges Einkaufen genau das: weniger ein Verzicht, mehr ein Versprechen. Dass wir nicht nur für uns selbst entscheiden, sondern auch für die, die nach uns kommen – und die irgendwann fragen könnten, warum wir es uns so einfach gemacht haben.

Meine Enkeltochter wird sich später vermutlich nicht daran erinnern, wer den Stuhl gekauft hat. Aber vielleicht sitzt nicht nur sie eines Tages selbst darauf, sondern ihr eigenes Kind.

Und dann, so hoffe ich, denkt sie:
Oma hat nicht einfach nur eingekauft.
Oma hat mitgedacht.

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