Wahlkampfzeiten sind besondere Zeiten. Die Luft ist voller Versprechen, die Straßen voller Gesichter – und die Laternen voller Kabelbinder.
Kaum naht eine Wahl, verwandelt sich das öffentliche Straßenbild in eine Art politisches Wimmelbuch. Überall hängen sie: lächelnde Kandidatinnen und Kandidaten, entschlossen blickend, hoffnungsvoll, staatsmännisch – je nach Druckqualität auch leicht verpixelt. Demokratie zum Mitnehmen, wetterfest laminiert.
Und dann ist die Wahl vorbei.
Was bleibt, ist… nun ja: der Rest.
Zerrissene Plakate flattern im Wind wie politische Nachgedanken. Halb abgerissene Kabelbinder hängen traurig von Laternen, als hätten sie den Glauben an die Menschheit verloren. Und irgendwo im Gebüsch liegt ein Konterfei, das noch vor wenigen Tagen „Zukunft gestalten“ wollte und jetzt eher nach „Recycling verschlafen“ aussieht.
Besonders spannend wird es beim Thema Nachhaltigkeit. Denn während im Wahlprogramm noch engagiert von Ressourcenschonung die Rede ist, stapeln sich hinter den Kulissen ungenutzte Plakate. Frisch gedruckt, nie aufgehängt, direkt auf dem Weg ins politische Jenseits. Man könnte sagen: Wahlkampf auf Vorrat – leider ohne Verwendung.
Aber der eigentliche Höhepunkt offenbart sich erst beim Abhängen.
Denn wer glaubt, dass diejenigen, die Plakate aufhängen, sie auch wieder abhängen, glaubt vermutlich auch, dass Wahlversprechen automatisch eingelöst werden.
Die Realität ist komplexer.
Plakate führen nach der Wahl ein erstaunlich eigenständiges Leben. Einige verschwinden zeitnah, andere entwickeln eine gewisse Standorttreue. Und manche – man muss es so sagen – steigen regelrecht auf.
Denn im Laufe des Wahlkampfs entsteht ein inoffizieller Wettbewerb: Wer hängt höher? Wer überbietet den politischen Gegner nicht nur inhaltlich, sondern auch physisch? Das Ergebnis: Plakate in Höhen, die eher an Alpinismus erinnern als an kommunale Straßenlaternen.
Nach der Wahl steht man dann davor, blickt nach oben und denkt:
„Ja. Das war ambitioniert.“
Was folgt, ist ein logistisches Abenteuer. Leitern werden organisiert, Teleskopstangen ausgefahren, waghalsige Konstruktionen erprobt. Es ist ein bisschen wie Frühsport – nur mit politischem Hintergrund und erhöhter Absturzgefahr.
Und während unten diskutiert wird, wer eigentlich zuständig ist, hängt oben noch immer ein freundlich lächelndes Gesicht und verspricht „Verlässlichkeit“.
Man kann das alles belächeln. Sollte man vielleicht auch. Aber es erzählt nebenbei eine kleine Geschichte über unsere Zeit.
Über Aktion und Verantwortung.
Über Sichtbarkeit und Nacharbeit.
Und über die erstaunliche Fähigkeit, Dinge anzufangen – und sich beim Aufräumen dezent zurückzuhalten.
Dabei wäre die Idee eigentlich ganz einfach: Wer plakatiert, räumt auch wieder auf. Wer sichtbar sein will, sollte auch Verantwortung zeigen, wenn die Scheinwerfer ausgehen.
Bis dahin aber gilt: Nach der Wahl ist vor dem nächsten Kabelbinder.
Und irgendwo da draußen hängt noch ein Plakat.
Sehr hoch.
Sehr allein.
Und erstaunlich dauerhaft.

